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Lesung aus dem Technologie-Thriller "Fusion des Bösen"
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Zweites Kapitel 
Am Höllenschlund

Kassandra, 18. Oktober 2015
Dr. Martin Steiner hat keine Augen für die Schönheit der Landschaft der Chalkidiki an diesem 18. Oktober des Jahres 2015, als er um 10.45 Uhr von einem griechischen Polizeiwagen vom Flughafen Thessaloniki abgeholt und zur Südspitze der Halbinsel Kassandra gebracht wird. Bereits kurz nach Verlassen des Flughafens und nach Einbiegen in die Küstenstraße nach Süden, kann er einen riesigen Rauchpilz erkennen, der anscheinend unveränderlich und drohend über der Halbinsel in den Himmel ragt.

Der Polizeiwagen erreicht nach einer Fahrzeit von einer Stunde die Brücke über den Kanal Nea Potidea, der die Halbinsel vom Festland trennt. Mit zunehmender Fahrzeit verändert sich die Landschaft dramatisch. Die ehemals blühende Landschaft scheint von einem gewaltigen Feuersturm hinweggefegt worden zu sein. Die Bäume und Sträucher werden kahl wie im tiefsten Winter und das Laub hat sich meterhoch in Mulden, Nischen und Ecken abgelagert. Links und rechts der notdürftig geräumten Straße türmen sich entwurzelte Bäume. Nach weiterer Fahrt ragen nur noch abgebrochene und verkohlte Baumstümpfe aus der Erde und an verschiedenen Stellen flackern offene Feuer. Der Rauch des schwelenden Holzes, der lodernden Feuer und die mit Staubpartikeln überfrachtete Luft machen das Atmen schwer. Obwohl es auf die Mittagsstunde zugeht, ist es nahezu dunkel. Überall wimmelt es von Fahrzeugen der griechischen Polizei, des Militärs und des Zivilschutzes. Das flackernde Blaulicht der Einsatzwagen, der allgegenwärtige tiefschwarze Qualm sowie die Unmengen an feinen Staub- und Aschepartikeln, die aus der Rauchwolke über der Unglücksstelle herab rieseln, verleihen der Szenerie einen endzeitähnlichen Anschein. Die Fahrzeuge haben ihre Scheinwerfer eingeschaltet, deren grelle Lichtkegel in eine Richtung leuchten. Mit fassungsloser Miene steigt Steiner aus dem Polizeiwagen. Inzwischen hat leichter Nieselregen eingesetzt, der die apokalyptische Kulisse mit einer schmierigen, rußigen Schicht überzieht. Steiner folgt den Lichtkegeln der Scheinwerfer, die irgendwo dort vorne das Unfassbare zu erhellen versuchen. Nach einem kurzen Fußmarsch erreicht er den Ort der Explosion. Als Steiner den inneren Absperrungsring passiert, öffnet sich vor ihm der Schlund der Hölle. Wie erstarrt steht er am Rande eines Kraters, etwa 200 Meter im Durchmesser und 20 Meter tief, genau an der Stelle, an der früher das physikalisch-technische Labor seines Freundes und Studienkollegen Professor Georgios Aretemis gestanden hatte.

„Mein Gott“, murmelt Steiner betroffen, „so stelle ich mir den Vorhof zur Hölle vor“.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Eingekleidet in raumfahrtähnlichen Schutzkleidungen, die ihnen das Aussehen außerirdischer Besucher geben, bewegen sich zwischen den rauchenden Trümmern auf dem Grund des Kraters mehrere Personen, die mit Spezialgeräten an verschiedenen Stellen Messungen durchführen. Überlebende der Katastrophe hatten von einem hellen, gleißenden Blitz berichtet, gefolgt von einer gewaltigen Druck- und Hitzewelle, die sie zu Boden warf, ihnen die Kleider vom Körper riss, die Haut versengte und die Haare verbrannte. Anschließend hörten sie einen unbeschreiblichen Donner und ein lautes Grollen, bis schließlich ein riesiger Rauchpilz aus dem Boden in den Himmel wuchs. Die griechischen Behörden waren deshalb von einer atomaren Explosion ausgegangen.

„No survivors within a circle of twenty kilometres“, hört Steiner über sein Funkgerät und hat das Gefühl, als würde ihm jemand die Kehle zudrücken. Keine Überlebenden im Umkreis von zwanzig Kilometern. Was war aus diesem idyllisch gelegenen Ort geworden? Erst jetzt registriert er diese unheimliche Stille an einem Ort, der sonst erfüllt war vom Gezwitscher der Vögel und dem Zirpen der Zikaden. Was war mit den Bewohnern, Touristen, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Technikern, Hilfskräften und seinem Freund Georgios geschehen, die sich zur Zeit der Explosion im Labor oder in der Nähe aufhielten? Steiner greift sich instinktiv an seine Mund- und Kinnpartie, eine Geste der Körpersprache, die seine starke emotionale Beteiligung zeigt, ohne dass ein Wort über seine Lippen kommt. Mit einem kurzen Kopfnicken begrüßt er seine Kollegen von der „Organisation for Fighting the International Terrorism“ O.F.I.T.: Dr. James F. White, William Hayhurst, Laurent Dupont und David Shamil. Es sind die Leiter des US-Geheimdienstes CIA, des britischen MI6, der französischen Direction Generale de la Securite Exterieure DGSE und des israelischen MOSSAD. Sie sprechen sich alle mit ihren Dienstnamen an, wobei jeder weiß, dass dies nicht ihre richtigen Namen im normalen Leben sind. Martin Steiner ist stellvertretender Leiter des BND in Pullach, mit der Sonderaufgabe Terroranschläge aufzuklären. Mit richtigem Namen heißt er Dr. Peter Steinfelder, wird aber in allen dienstlichen Angelegenheiten als Dr. Martin Steiner geführt. Dr. Steiner gilt als international anerkannter Experte bei Unfällen und terroristischen Anschlägen mit Sprengstoffen. Er fühlt sich am Tode seines Freundes und ehemaligen Studienkollegen Georgios Aretemis mitschuldig, denn er hatte, als er von ihm um Hilfe gebeten worden war, etwas Wichtiges übersehen. Während er am Rande des Kraters steht und in die Tiefe blickt, kommen ihm Bilder aus ihrer gemeinsamen Studienzeit in München vor Augen.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

In einem Rückblick über vier Jahrzehnte wird die Geschichte bis zum Jahr 2015 entwickelt. Der internationale Terrorismus unter seinem Anführer Dimitrios Zafratis ist zur schlimmsten Geisel der Menschheit geworden; Georgios Aretemis wird Professor an der Aristoteles Universität in Thessaloniki und erfolgreicher Unternehmer in Griechenland. Peter Steinfelder alias Martin Steiner durchläuft eine typisch deutsche Karriere: Er wird Beamter beim BND und bringt es zum Vize-Präsidenten des Dienstes. Die handelnden Personen in Steiners Büro in Pullach sind: seine resolute Sekretärin Marlies Wegener, genannt „Der General“ und Andi Baumann, seine rechte Hand. Wir überspringen einige Kapitel im Buch und finden uns im US-Verteidigungsministerium wieder.

Fünfzehntes Kapitel 
Kwan-li-so Nr. 22

Der Satellit Digital Globe, in der militärischen Nomenklatur der US-Spionagesatelliten als SPS-748 registriert, überflog am 21. Juli des Jahres 1990 in einer Höhe von 300 Kilometern routinemäßig Nordkorea auf seiner vorprogrammierten Route. Wie immer sendete er gestochen scharfes Fotomaterial zur militärischen Auswertungsstelle ins US-Verteidigungsministerium in Washington D.C. Das Ministerium wird, wegen der fünfeckigen Form seines Gebäudes, überall auf der Welt nur als das „Pentagon“ bezeichnet, was aber auch schon alles ist, was die breite Öffentlichkeit über das Gebäude, die geheimen militärischen Projekte und die speziellen Tätigkeiten der Mitarbeiter weiß.

Sergeant Rick Marvin, von seinen Kameraden Ricky genannt, saß in einem Vorraum des National Military Command Center NMCC im Pentagon vor seinem Monitor und verglich die aktuellen Satellitenfotos der Gefangenenlager in Nordkorea mit früheren Aufnahmen. Das NMCC ist das Nervenzentrum des Ministeriums und liegt unter mehreren Schichten von Stahlbeton, sodass es auch einen atomaren Angriff unbeschädigt überstehen könnte.  
„Mac, was hast du denn heute von unserem Baby?“  
Ricky hatte im Laufe der Jahre ein persönliches Verhältnis zu seinem Computer entwickelt. Sein erster Computer war ein Macintosh Desk Top 2000 gewesen, an dem er seine Ausbildung erhalten hatte. Die neuen Computer waren schon lange keine Macs mehr, aber Ricky war auf seine Weise treu. Das Baby war der Satellit Digital Globe, von dem er, wie eine sorgenvolle Mama, jeden Piepser und Rülpser beobachtete und bewertete. Er konnte durch die Augen seines Babys sehen, was unten auf der Erde vor sich ging. Bei genauer Betrachtung des Lagers Kwan-li-so No. 22 stellte Ricky auffällige bauliche Veränderungen fest. Es hatte den Anschein, als sollte ein Teil des Lagers abgetrennt und renoviert werden. Der Sergeant verständigte seinen Vorgesetzten, Lieutenant Francis Crowel. Gebannt starrten sie auf die ständig eingehenden Fotos, konnten sich aber keinen Reim auf die Baumaßnahmen machen. 
Es ist bekannt, dass sich in Nordkorea zahlreiche Gefangenlager befinden, die nach ihrem Standort in der jeweiligen Provinz benannt und durchnummeriert sind. In den hermetisch abgeschlossenen Lagern sind vorwiegend politische Gefangene und ganze Familien in Sippenhaft zur „Umerziehung“ untergebracht. Die Lager sind den Gulags Josef Stalins nachgebaut und an einsamen, unzugänglichen Orten versteckt. Sie werden deshalb in US-Regierungskreisen als „Hidden Gulags“ bezeichnet. Die wenigen Informationen über diese Lager sind den US-Spionagesatelliten zu verdanken, die sie regelmäßig überfliegen und Aufnahmen machen. Nach früheren Aufzeichnungen bestand das Lager Kwan-li-so No. 22 aus zwanzig barackenähnlichen Unterkünften und einer zentralen Versorgungseinheit mit Sanitär- und Kantineneinrichtungen. Es nahm eine Fläche von 50 Hektar ein.

Als Ricky neue Bilder herein bekam sprang er aufgeregt von seinem Arbeitsplatz auf. Er telefonierte mit seinem Vorgesetzten Lieutenant Francis Crowel. Wenig später traf der Leutnant ein und sie studierten gemeinsam die aktuellen Fotos. Ricky zeigte auf einen breiten Streifen, der zwischen dem Lager und dem abgetrennten Teil angelegt worden war:  
„Sieht aus wie ein Todesstreifen, wie wir ihn von den Außengrenzen der ehemaligen kommunistischen Staaten in Europa kennen. Aber was macht so ein Streifen für einen Sinn, mitten in einem Gefangenenlager?“  
„Der abgetrennte Lagerteil ist wohl für ganz schwere Jungs“, vermutete Crowel, aber sicher war er sich nicht. Obwohl auch er vor einem Rätsel stand, wollte er sich es nicht anmerken lassen. Während seiner Ausbildung als Kadett an der West Point Militärakademie hatte er gelernt, niemals Zweifel an Lagebeurteilungen aufkommen zu lassen. Besser einen falschen Befehl schnell und überzeugend zu erteilen, als durch Zögern Zweifel und Unsicherheiten bei den Untergebenen aufkommen zu lassen. Eigenartig, dass ein Lager für Schwerverbrecher vollständig renoviert wird, dachte Ricky, wollte aber seinem Vorgesetzten nicht widersprechen. Das Lager musste irgendeinem anderen Zweck dienen. Ricky deutete auf militärische Fahrzeuge mit nordkoreanischen Soldaten. Er schaltete die maximale Vergrößerung auf seinem Monitor ein, was dazu führte, dass man sogar die Gesichter der Personen identifizieren konnte. Rick Marvin und der Lieutenant erstarrten, als sie erkannten, wer die neuen Bewohner des Lagers waren. Es waren - Kinder! 
Und noch etwas fiel Ricky auf, als er sich die Gesichter der Kinder genauer ansah. 
„Die sehen ja alle gleich aus!“, rief er aufgeregt. 
„Schauen Sie, Sir. Einer wie der andere. Das gibt’s doch gar nicht.“  
„Ja, ja, ja Ricky, beruhige dich. Du hast ja recht: die Japsen, Chinesen und Koreaner sehen sich alle gleich“, war die Antwort Francis Crowels, nachdem auch er sich die Gesichter genauer angesehen hatte.  
„Aber die Hautfarben sind verschieden“, stellte Ricky noch fest. Dann wurde es plötzlich schwarz auf dem Bildschirm und nur noch ein Flimmern war zu erkennen.

„Was ist denn jetzt los mit dem Ding?“ 
„Keine Ahnung. Eben ging er noch.“ 
„Das waren Kinder. Was machen Kinder in so einem Lager? Ich habe kein gutes Gefühl, Sir.“ 
Ricky war immer noch außer sich. 
„Scheiß auf deine Gefühle, Ricky. Was denkst du, wird der Colonel antworten, wenn ich ihm sage, Sergeant Rick Marvin hat ein schlechtes Gefühl bei der Sache.“

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Sechzehntes Kapitel 
Satellitenkiller

Um einen Angriff des Warschauer Paktes frühzeitig erkennen und begegnen zu können, hatten die USA in der Zeit des Kalten Krieges und den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Spionagesatelliten auf erdnahe Umlaufbahnen geschossen und ein weltweites, militärisches Kommunikations- und Kommandosystem für die Boden-, Luft- und Seestreitkräfte der NATO aufgebaut. Die „Think Tanks“, wie die NATO-Einrichtungen für strategische Studien genannt werden, analysierten zwei mögliche Szenarien, wie der Warschauer Pakt mit einem Überraschungsangriff die Kommunikations- und Kommandostrukturen der NATO ausschalten könnte. 
Das erste Szenario basierte auf einen Erstschlag des Warschauer Paktes mit Interkontinentalraketen, die in großer Höhe über dem NATO-Gebiet Wiedereintrittskörper mit Atomsprengköpfen ausstreuen könnten. Der durch die Nuklearexplosionen in der Atmosphäre ausgelöste elektromagnetische Puls EMP würde sämtliche, elektronischen Bauteile in den Informations- und Kommunikationssystemen zerstören und die Kommandostrukturen ausschalten. 
Das zweite Szenario betraf den Abschuss oder die Ausschaltung der militärischen Spionagesatelliten in den Umlaufbahnen um die Erde durch Flugkörper, ballistische Raketen oder luftgestützte Laserwaffen. Diese Möglichkeit wurde von den Experten der NATO als weniger wahrscheinlich, da technisch erheblich aufwendiger, eingestuft. Dass diese Einschätzung falsch war, sollte sich am Morgen des 21. Juli 1990 im chinesischen Weltraumzentrum Xhinchang, im Südwesten des Landes, bestätigen.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Xhinchang, 21. Juli 1990  
Die dreistufige Interkontinentalrakete mit dem Namen „Langer Marsch“ steht in einem unterirdischen Betonsilo im chinesischen Zentrum für zivile und militärische Raumfahrt für eine besondere Mission bereit. Aufmerksam verfolgen hohe chinesische und nordkoreanische Repräsentanten der Politik und des Militärs die letzten Sekunden vor dem Start. Der Motor der ersten Raketenstufe zündet und eine dichte Wolke aus Wasserdampf und Abgasen hüllt das Abschusssilo ein. Dann steigt der Raketenkörper langsam aus dem Silo und strebt, mit tiefem Grollen auf einem Feuerstrahl reitend, dem wolkenlosen Himmel entgegen. Die wenigen, ausgewählten Zuschauer beobachten tief beeindruckt das Schauspiel, bis die Rakete als winziger Punkt ihren Blicken entschwindet. Nach dem Ausbrennen der ersten Stufe zündet die zweite und beschleunigt die Rakete auf Endgeschwindigkeit. Die dritte Stufe bringt die Rakete in die gewünschte Höhe von 300 Kilometern auf den berechneten Zielkurs zum US-Spionagesatelliten Digital Globe. Der Gefechtskopf trennt sich zischend vom Raketenkörper und der Radar-Zielsuchkopf in seiner Spitze erfasst den Satelliten. Vier schwenkbare Steuerdüsen lenken den Splittergefechtskopf auf Kollisionskurs zum Satelliten. Als er sich bis auf zehn Meter angenähert hat, löst ein Annäherungszünder die Detonation aus. Eine gerichtete Wolke von metallischen Splittern durchsiebt den Satelliten.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Rick Marvin starrte noch immer fassungslos auf den schwarzen Bildschirm, auf dem nur noch ein Flimmern zu erkennen war. Der Sergeant begann sofort mit den einstudierten Routinechecks. Er drückte verschiedene Tasten, tippte eine Reihe von Codes auf dem Keyboard ein, drehte an verschiedenen Knöpfen und überprüfte Stecker und Kabelanschlüsse, doch der Bildschirm blieb schwarz. 
„Ich habe alles überprüft, Sir. Die Empfangstechnik ist in Ordnung. Es muss an der Übertragungsstrecke zum Satelliten liegen“. 
Ricky nannte Crowel immer „Sir“, wenn er etwas Unangenehmes zu berichten hatte. Und ein Bildausfall auf seinem Monitor, war das Schlimmste, was er sich vorstellen konnte. Ansonsten benutzte er immer den militärischen Titel als Anrede. Im privaten Umgang sprachen sich beide mit ihren Vornamen Ricky und Francis an. 
Francis Crowel starrte feindselig auf das schwarze Bild des Monitors. Er klopfte mit der flachen Hand mehrmals auf den Rahmen des Bildschirms. Das hatte zwar noch nie zum Erfolg geführt, war aber so eine Marotte von ihm. 
„Hat es jemals Probleme mit der Strecke gegeben?“ 
„Niemals, Sir. Solange ich denken kann!“ 
„Und an uns liegt es nicht?“ 
„Auf keinen Fall, Sir.“ 
„Die Schnittstellen?“ 
„Sind okay, Sir! Sieht fast so aus, als ob .....“  
Rick Martin wurde blass. Seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. Schweiß trat auf seine Stirn. Dann sprach er das Unfassbare aus. 
„Als gäbe es da draußen keinen Satelliten Digital Globe mehr.“ 
Sie sahen sich bestürzt an. Keiner dachte mehr an die Kinder im Lager Kwan-li-so Nr. 22. 
Lieutenant Crowel meldete den Vorfall unverzüglich an die oberste militärische Führung im Pentagon. Kurz darauf registrierte das Computersystem den Eingang eines internen Memos mit höchster Dringlichkeitsstufe und Geheimhaltung. 
„Da haben wir die Scheiße.“ 
Der Lieutenant sank in seinem Sessel zurück. 
„Was denn?“ 
„Im Interesse der nationalen Sicherheit: Sofortige Ausgangs- und Urlaubssperre. Bis auf weiteres.“ 
„Was ist passiert, Francis?“ murmelte Ricky mit tonloser Stimme. 
„Eine Sternschnuppe hat dein Baby sicherlich nicht vom Himmel geholt, Ricky!“

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Neunzehntes Kapitel 
Todesflug LH 273

Die Zugangskontrollen zum Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt waren auf dem neuesten Stand der Technik. Beim Betreten des Flughafengebäudes überwachten Fernsehkameras jeden Schritt der Passagiere und Besucher. In den Eingangsbereichen und den Zugängen zu den Flugsteigen waren Spezialsensoren angebracht, die nach Sprengstoffen schnüffelten und die Automatiktüren für den Fall verschlossen, dass auch nur geringste Mengen registriert wurden. Wissenschaftler hatten es in den vergangenen Jahren geschafft Biosensoren zu entwickeln, die sensibler als die beste Hundenase kleinste Spuren von Sprengstoffen aufspürten. Man fühlte sich sicher und der Betrieb auf dem Flugfeld und im Gebäude verlief planmäßig und reibungslos.

Die Passagiere des Fluges LH 273 der Lufthansa von Frankfurt nach New York, Abflugzeit 21.30 Uhr, waren ohne Beanstandung in die Maschine eingestiegen und wurden routinemäßig durch die Flugbegleiter über die Sicherheitsvorkehrungen und Notausgänge an Bord informiert. Der Airbus A 380 war mit 650 Fluggästen, bestehend vorwiegend aus US-Bürgern und Deutschen die geschäftlich in den beiden Ländern zu tun hatten, voll besetzt. Während die Maschine langsam zur Startbahn rollte, bereiteten die Flugbegleiter das Abendessen vor, das unmittelbar nach dem Start serviert werden sollte. Business as usual. Nicht jedoch für Marita Köhler, die frisch gebackene Miss Germany. Für die blonde, langbeinige Schöne aus Elmshorn, war alles aufregend und neu. Das Elmshorner Tagblatt hatte einen Fotografen zum Flughafen geschickt und ihren Abflug im Bild festgehalten: eine strahlende, fröhliche junge Frau auf dem Weg in die Neue Welt, um bei den Filmgesellschaften in Hollywood Karriere und das große Geld zu machen. Weder sie, die anderen Passagiere noch das Flugpersonal, konnten etwas von den beiden fremdländisch aussehenden Gestalten erkennen, die sich im Vorfeld zur Startbahn West hinter mannshohen Büschen, weit außerhalb des Sicherheitszaunes, versteckt hielten.

Yusuf und Hassan waren Libanesen, die in Afghanistan als Terroristen ausgebildet worden waren und einer Spezialeinheit angehörten. Sie waren ein eingespieltes Team und jeder trug einen länglichen Container mit sich. Die darin enthaltenen Boden-Luftraketen des Typs „STINGER“, stammten aus dem Arsenal ehemaliger Mudjahedin-Kämpfern, die damit von der US-Regierung im Afghanistankrieg gegen die Besatzungsmacht UdSSR ausgestattet worden waren. Die von einer Person tragbaren Raketen mit Infrarot-Zielsuchkopf, hatten sich gegen die russischen Transport- und Kampfhubschrauber als äußerst wirkungsvolle Waffe erwiesen. Nicht wenige Militärexperten sind der Meinung, dass der massenhafte Einsatz der STINGER durch die Mudjahedin ganz wesentlich zur Niederlage und dem Rückzug der russischen Besatzungsmacht beigetragen hat.

Yusuf und Hassan nahmen in einhundert Meter Entfernung voneinander Aufstellung. Mit wenigen Handgriffen waren die Abschussvorrichtungen heraus geklappt und die Thermalbatterien zur Stromerzeugung in das Abschussgerät eingeklinkt. Sie entfernten den Transportverschluss für den Zielsuchkopf und verständigten sich durch ein kurzes Signal mit ihren Taschenlampen. Die Zeiger ihrer Uhren standen auf exakt 21.35 Uhr, als der Kapitän des Airbusses A380 den Gashebel nach vorne schob und die vier Rolls Royce Triebwerke auf die volle Schubkraft von 310.000 Newton brachte. Die Passagiere im Airbus wurden durch die gewaltige Beschleunigung in ihre Sessel gedrückt. Die Markierungen auf der Startbahn flogen immer schneller nach hinten weg, bis das Flugzeug schließlich abhob. Marita Köhler hatte ihre Augen geschlossen und sich im Sessel festgekrallt. Von der tödlichen Bedrohung, die am Ende der Startbahn West auf sie wartete, hatte sie und die anderen Passagiere keine Ahnung.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Die beiden Libanesen sahen den Airbus auf sich zurasen. Sie betätigten die Zünder der Batterien und legten die Abschussrohre auf ihre Schultern. Sie hörten wie der Stabilisierungskreisel im Flugkörper hoch lief. In der Zieloptik erschien das Signal „Ready for Launch“. Der Airbus A 380 donnerte über ihre Köpfe hinweg und der nachfolgende Luftwirbel riss an ihren Kleidern. Sie drehten sich um 180 Grad und richteten die Zieloptiken auf die Triebwerke des davonfliegenden Flugzeuges. Nach einigen Sekunden erhielten sie das Signal „Locked on target“, als Zeichen, dass sich der Zielsuchkopf der Rakete auf die Infrarotstrahlung der Triebwerke aufgeschaltet hatte. Sie betätigten gleichzeitig den Abzug der Waffe. Die Flugkörper wurden durch eine Treibladung explosionsartig aus den Abschussrohren geworfen und zündeten ihre Raketentriebwerke. Fauchend, brüllend und einen grellen Feuerschweif nach sich ziehend verfolgten sie das davonfliegende Flugzeug. Wie zwei Kometen mit langem Schweif näherten sich die Flugkörper immer mehr dem Airbus. Das Flugzeug hatte keine Chance. Beide Raketen trafen es im hinteren Bereich. Die Aufschlagzünder brachten die Gefechtsköpfe mit ihrem hochbrisanten Sprengstoffgemisch aus Octogen und Hexogen zur Detonation, ausreichend um zwei Triebwerke zum Bersten und das Flugzeug zum Absturz zu bringen. LH 273 verschwand vom Radarbildschirm der Flugüberwachung Frankfurt und zerschellte wenige Kilometer außerhalb der Startbahn West auf einem Feld. Es gab keine Überlebenden.

Die Terroristen suchten ein italienisches Restaurant im Zentrum von Frankfurt auf und setzten sich an einen Tisch, an dem ein arabisch aussehender Gast saß und sie grüßte:  
„Salem aleikum. Allahu akbar.“  
Sie antworteten: „Aleikum salem. Allahu akbar.“  
Dann bestellten sie eine vegetarische Pizza und aßen mit gutem Appetit. Sie waren sich sicher, ihren Auftrag im Sinne einer gerechten Sache erledigt zu haben.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

„LH 273 – auch Zafratis?“ Baumanns hellblaue, wässrige Augen richteten sich auf Steiner. 
„Ohne Frage“, knurrte der Vize des BND. 
„Unsere Miss Germany war an Bord“, sagte der EDV-Dienststellenleiter bedauernd. 
„Sie hätte mit ihrem hübschen Arsch besser zu Hause bleiben sollen“, grollte Steiner. 
„Hallo, Martin, so kenne ich dich ja gar nicht. Bitte etwas mehr Niveau. Wir sind doch nicht bei der CIA!“ 
„Wir führen Krieg, Andi, und es ist ein dreckiger, schmutziger Krieg. Wir stehen unter Beschuss. Die ganze Welt steht unter mörderischem Beschuss. Und was machen wir? Hier, da, sieh dir das einmal an. Alles Schreiben von unserem fabelhaften Dr. Reiner Wittek aus Berlin. Ob wir schon unsere Koffer zum Umzug von Pullach nach Berlin gepackt haben? Der Kerl hat vielleicht Sorgen!“ 
Aber es war gar nicht Reiner Wittek, sein unsympathischer und wichtigtuerischer Vorgesetzter, um den es Steiner wirklich ging. An den täglichen Kleinkrieg mit Berlin hatte er sich inzwischen gewöhnt und sah das Ganze aus sportlicher Sicht. Es war Dimitrios Zafratis.  
„Ist ja gut, Martin. Beruhige dich. Irgendwann macht auch er einen Fehler – und dann haben wir ihn.“ 
„Es sieht nicht danach aus, Andi“, seufzte Steiner. 
„Manchmal glaube ich, wir haben es mit einem Phantom zu tun. Er ist überall präsent und doch nie greifbar. Wir haben noch keine konkrete Spur, geschweige denn ein Bild von ihm“.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Dreißigstes Kapitel 
Das Labor

Martin Steiner alias Peter Steinfelder saß am Fenster der Maschine der Greek Airways, Flugnummer 388 von München nach Thessaloniki und beobachtete gespannt den Anflug auf den Flughafen Makedonia. Die Landung galt auch bei erfahrenen Piloten als schwierig und tatsächlich hatte Peter Steinfelder beim Aufsetzen der Maschine das Gefühl einer Wasserlandung, da die Landebahn weit in das Meer hinaus ragte.
Das Wiedersehen am Flughafen mit Georgios war von aufrichtiger Freude und Herzlichkeit erfüllt. Während der einstündigen Fahrt im Mercedes-Dienstwagen des Professors nach Süden entlang der Küste auf die Halbinsel Kassandra tauschte man Erinnerungen an das gemeinsame Studium in München aus. Der griechische Chauffeur hörte öfter lautes Gelächter aus dem Fond des Wagens und wunderte sich über seinen Chef. So vergnügt hatte er den Professor schon lange nicht mehr erlebt. Der Mercedes erreichte die Südspitze der Halbinsel und hielt vor dem Tor eines riesigen, von einem hohen Zaun umgrenzten Geländes an.
„Donnerwetter, entfuhr es Peter, „das Laborgelände ist ja riesig!“
Peter richtete seinen Blick auf den Elektrozaun und die zahlreichen Überwachungskameras.
„Das ist ja gesichert wie das Manhattan-Projekt in Los Alamos.“
Er spielte damit auf die amerikanische Atomfabrik in Nevada an, in der während des Zweiten Weltkrieges von Robert Oppenheimer die erste Atombombe gebaut wurde.
„Der Vergleich ist gar nicht einmal so abwegig. Es wäre katastrophal, wenn unser Wissen und unsere Technologie in falsche Hände fallen würde“ erläuterte Georgios Aretemis das Sicherheitssystem, das er als das Beste beschrieb, was es derzeit auf dem Weltmarkt gäbe. Es basiere auf einer Kombination des Vergleichs der biometrischen Daten: Spracherkennung, Daumenabdruck und Augeniris.
„Weißt du, dass sich die meisten biometrischen Merkmale beim Menschen verändern?“
„Nein, wusste ich nicht!“
„Das einzige Merkmal, das praktisch ein Leben lang unverändert bleibt, ist die Augeniris!“
„Wieder etwas gelernt, Georgios!“
„Eine sicherere Zugangskontrolle findest du nicht einmal in Fort Knox zur Verwahrung der amerikanischen Goldreserven, in staatlichen Gelddruckereien oder bei geheimen Militärprojekten“, schloss Georgios nicht ohne Stolz seine Erklärungen ab.
„Nicht schlecht“, sagte Peter Steinfelder anerkennend.
Aus ihm sprach jetzt der Geheimdienstmann und geborene Franke. Der Franke lobt an und für sich höchst selten und es gilt in Franken, was auch die Schwaben für sich beanspruchen: Nicht geschimpft, ist schon gelobt! In den wenigen Ausnahmefällen ist „nicht schlecht“ das höchste Lob des Franken. „Passt schon“ ist auch noch gelobt, während der Ausspruch „das ist mal etwas anderes“ meistens eher negativ gemeint ist. Demnach hatte Peter den Sicherheitseinrichtungen des Labors das höchste Lob, das ein Franke überhaupt auszusprechen vermag, zukommen lassen. Georgios hatte dies natürlich nicht so verstanden. Ein häufiges Missverständnis, unter dem die Franken zu leiden haben und deshalb vielfach als wenig begeisterungsfähig und leidenschaftslos verkannt werden.

Kurzes Cello-Zwischenspiel (Frankenlied)                        (45 Minuten) 

Vierunddreißigstes Kapitel 
Die erste Spur

Andi Baumann spürte das fehlende Bein an diesem Tag stärker als sonst. Da wo nichts war, tat es weh. Er kannte das. Es ging vorbei. Phantomschmerz nennt man in der Medizin dieses Phänomen. Ein Phantom war es auch, wonach sie suchten, dachte er bei sich. Baumann fragte sich, ob der Tag eigentlich noch beschissener werden könnte. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der Wetterbericht im Radio sagte 40 Grad Celsius voraus, nach einer empfindlich kalten Nacht.

„Wüstenklima, wie auf der Venus“, knurrte der ehemalige Elitesoldat und Ausbilder bei der Bundeswehr, während er sich rasierte und das schüttere Haar nach hinten kämmte. Eiskalt in der Nacht und am Tag eine Bruthitze. Wir sind selber schuld, dachte er. Verschmutzen unsere Atmosphäre mit allen möglichen Treibhausgasen und wundern uns dann noch über den Klimawandel! Er öffnete den Kleiderschrank und entschied sich für einen locker fallenden, beigefarbenen Leinenanzug. Auf eine Krawatte verzichtete er. Schnürt nur den Hals zu, sodass kein Blut mehr in den Kopf kommt und das Denken eingeschränkt wird. 
Als er seinen Arbeitsplatz erreichte, hatte er bereits sechs Zigaretten geraucht. Es war Montag, 7 Uhr morgens und noch war alles ruhig im Dienst. Baumann öffnete seinen persönlichen Email-Account. Wie immer, war jede Menge Spam dabei: Viagra, Penisverlängerung, Rolex-Uhren, Last-Minute-Reisen, dubiose Kontakt- und Finanzangebote. Er löschte die Spams und ärgerte sich darüber, dass es immer noch keine wirksamen Filter dagegen gab. Das Surfen im Internet kam ihm wie häufig wechselnder Geschlechtsverkehr vor. Trotz Firewalls und Schutzfilter, irgendwann fing man sich etwas ein. Mit einem Grobfilter sortierte er alle nicht relevanten Suchergebnisse aus. Es blieb trotzdem eine riesige Datenmenge übrig, die ihn fast verzweifeln ließ. Berichte, Meldungen, Bilder, Filme und andere Informationen. Von den Geheimdiensten der westlichen Welt, der NATO, allen Polizeistationen und was sich sonst noch so fand. Nur die Russen und Chinesen machten dicht. 
Steiner hatte angerufen. Er würde erst am Mittwoch aus Griechenland zurück kommen. 
„Vielleicht hat er eine Freundin in Piräus“, kommentierte Baumann die Verspätung und begann laut und falsch nach der Melodie des bekannten Schlagers zu singen:  
      Ich bin ein Mädchen von Piräus und liebe den Steiner, den Hafen und das Meer .... 
Weiter kam er nicht, denn Marlies unterbrach ihn: „Ich hätte nicht gedacht, Herr Baumann, dass Sie so geschmacklos sein können!“ 
Andi Baumann aber war in Sangeslaune und hörte nicht auf, sondern wechselte in den Uralt-Schlager von Nana Mouskouri: 
      Weiße Rosen aus Athen, 
      sagen Dir komm recht bald wieder, 
      sagen Dir Auf Wiedersehn ....  
Marlies verließ demonstrativ das Büro.

Die Melodie ließ Baumann den ganzen Tag nicht wieder los. Es war ein echter Ohrwurm. Marlies Wegener kam zurück und brachte frischen Kaffee. 
„Gibt’s was Neues aus dem Wilden Westen?“ 
„Ja“, sagte Marlies gleichmütig. 
„Darf ich es erfahren, oder sind die Nachrichten geheim?“ 
Sie lachte leise, wurde aber gleich wieder ernst. 
„Lieutenant Crowel ist verstorben. Er hatte Lungenkrebs, Herr Baumann. Wohl starker Raucher gewesen!“ 
„Okay. Angekommen. Treffer! Und weiter?“ 
„Dienst hatte ein gewisser Rick Marvin. War Sergeant damals, heute pensioniert und Besitzer einer Tankstelle in Cleveland, Ohio. Kann sich aber offiziell an nichts mehr erinnern! Über Digital Globe bestätigen die Amerikaner nur das, was wir schon wissen. Ein US-Spionage-Satellit, der zufällig von Trümmerteilen einer gesprengten, eigenen Trägerrakete vom Typ Atlas getroffen wurde.“ 
„Sie lügen, die Amis. Mein Gott, wie sie lügen! Ein durch Weltraumschrott zertrümmerter Satellit ist keine Sache der nationalen Sicherheit. Wir kommen nicht weiter, General!“

Kurzes Cello-Zwischenspiel

„Vielleicht doch“, die helle Stimme von Manuel Christel drängte sich in ihre Unterhaltung. Christel war der Jüngste im Team und als Spezialist für Informationstechnologie in Baumanns Abteilung tätig. Er hatte seine schwarzen Haare im Nacken zu einem Zopf gebunden und war wie immer unrasiert mit einem Dreitagebart. 
„Die Suchroboter haben eine Meldung vom 25. April 2012 vom 14. Polizeirevier in Athen herausgefiltert. Es geht um eine Schlägerei vor einem Stundenhotel, in die ein stadtbekannter Dealer und Zuhälter verwickelt war.“ 
„Und der hat die Polizei gerufen“, sagte Baumann verdrießlich. 
„Nein. Der Hotelmanager. Und jetzt kommt es: beide, der Manager und der Zuhälter haben ausgesagt, ganz unabhängig voneinander, ich zitiere: „Dieser Schläger war kein Mensch. Das war eine Kampfmaschine! Oder ein Tier! Und ratet mal, wer das war?“ 
„Dimitrios Zafratis“, sagte Baumann ätzend. 
„Nein“. Christel sprach ganz leise. „Der Bürgermeister aus einer Provinzstadt im Norden Griechenlands. Kavala heißt der Ort und Alexis Leonidis der Bürgermeister.“ 
„Na toll. Ein Bürgermeister verprügelt einen Zuhälter im Puff. Vielleicht wollte er nicht bezahlen, vielleicht war er mal Preisboxer im Zirkus und wollte dem Mädchen imponieren!“ 
„Ich dachte ja nur...“, Christel war niedergeschlagen. Abgestürzt! 
„Das ist okay“, mischte sich Marlies Wegener ein. 
„Danach suchen wir ja. Es ist Griechenland, es ist eine Maschine. Wir sollten der Sache nachgehen.“ 
Ihr Blick ruhte auf Andi Baumann. 
„Ein geiler Bürgermeister auf Liebestour“, korrigierte dieser. 
Aber Baumann wusste natürlich, dass Marlies wie immer Recht hatte. 
„Nehmen Sie Verbindung mit Athen auf, Christel. Nein, das dauert. Die Kollegen da unten arbeiten nicht im Akkord. Fliegen Sie hin.“ 
Marlies Wegener stöhnte. Sie sah bereits die Anfrage der Revision zur detaillierten Begründung der Reisekostenabrechnung vor sich.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Fünfunddreißigstes Kapitel 
Die Klonkinder

„Also, gut“, sagte Dr. Martin Steiner. „Fassen wir zusammen. Was haben wir?“ Er blickte in die Runde. Andi Baumann, Manuel Christel und Marlies Wegener saßen vor seinem Schreibtisch. 
„Die letzten Aufnahmen eines US-Spionagesatelliten, der sich vor 25 Jahren verabschiedet hat. Kinder in einem Gefangenenlager in Nordkorea. Zugegeben, sehr seltsame Kinder. Alle gleich, aber verschiedene Hautfarben....“ 
„Dann wäre da noch mein Instinkt.“ Steiner lächelte dünn. 
„Viel ist das nicht.“ 
Christel sah den Flieger ohne sich abheben. 
„Ja, das war es wohl, Herr Christel. Aus mit Griechenland“, sagte Baumann trocken. 
„Alexis Leonidis, Anfang dreißig, nicht verheiratet, Kommunist, die Linke Front Griechenlands, Bürgermeister von Kavala, vorher Arbeiter in der Fischfabrik, ein Mann aus dem Volk, ein Typ wie Marlon Brando in „Die Faust im Nacken“. Man sollte mehr darüber wissen“, wiederholte Steiner. 
„Ja und?“, Christel war irritiert. 
„Als was verkleiden wir ihn denn.“ Steiner wandte sich an Baumann. 
„Student“, sagte der. „Student der Archäologie. Rucksacktourist.“ 
„Sie werden also Geschichte ausgraben.“ 
Steiners blaue Augen richteten sich auf Manuel Christel. 
„Kavala ist dafür der richtige Ort. Etwas nördlich davon liegt Philippi: Historischer Boden für Makedonier, Griechen, Römer und Christen! Schauplatz der entscheidenden Schlacht zwischen den Mördern Cäsars, Casius und Brutus und seinen Rächern, Antonius und Octavian, dem späteren römischen Kaiser Augustus. Guten Flug, Herr Christel. Besser Sie lassen sich auf keine Schlägerei mit diesem Leonidis ein. Scheint ja einen mächtigen Bums in den Fäusten zu haben. Holen Sie sich als Dienstwaffe eine Glock aus der Waffenkammer. Die tragen Sie immer am Leib. Egal wo Sie gerade sind oder was Sie machen. Wer weiß in welches Wespennest wir stechen. Sie berichten täglich an Baumann.“ 
Christel träumte vom türkisfarbigen Meer und weißen Sandstrand. 
Baumann schien seine Gedanken lesen zu können: 
„Mit einem Badeurlaub wird es wohl nichts werden, Herr Christel. Sie können sich ja schlecht die Glock zwischen ihre Arschbacken klemmen beim Schwimmen.“ 
„Na, na, na, Andi. Wir sind doch nicht bei der CIA. Einen Cognac?“ 
“Ja, gern.” 
“Gibt es was Neues von der Heimatfront?” 
„Nein. Wittek ist auffällig ruhig.“ 
Steiner kam mit zwei halb gefüllten, bauchigen Cognac-Schwenkern zurück. „Hab ich dir schon mal gesagt, dass du ein guter Mann bist, Andi Baumann?“ 
„Nüchtern noch nie, Chef.“ 
Sie ließen die Gläser klingen. 
Der Cognac, ein alter Remy Martin VSOP Jahrgang 1985, lief ihnen wie Öl die Kehle runter. 
„Haben wir auch ...“, sagte Baumann. 
Sein Gehirn begann bereits wieder zu arbeiten. Steiner sah förmlich, wie die Gedanken seines Mitarbeiters sprühten. 
„Das ist unmöglich“. Baumann sprach mit sich selbst. 
„Was ist unmöglich?“ 
„Ach, nur so ein Gedanke. Aber das wäre ja verrückt.“ 
„Raus damit, Andi.“ 
„Ich dachte an die verschiedenen Farben. Genau die gleiche Form und Größe, aber verschiedene Farben. Gleiche Kinder, aber verschiedene Hautfarben. Verschieden pigmentierte Klonkinder!“ 
Sie sahen sich fassungslos an. Steiners Gesicht war blutleer. 
„Was war das für ein Satellit?“ 
„SPS-478. Digital Globe.“ 
„Alle Unterlagen zu mir. Ich fliege nach Washington. Mein Gott, das hätte ihnen doch auffallen müssen! Ich brauche eine Verbindung mit White. Egal, ob er isst, schläft oder Golf spielt. Oder was er sonst gerade macht!“  
Steiner rief durch die offene Türe des Sekretariats nach Marlies Wegener, die bereits zusammengepackt hatte und sich anzog, um in ihrem Damenclub zum Bridge spielen zu gehen. 
„Marlies!“ 
„Ja, Chef! Ich komme so schnell wie möglich!“ 
„Kommen Sie etwas schneller!“

Kurzes Cello-Schlussspiel (60 Minuten)