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Lesung aus dem Technologie-Thriller "Der Unsichtbare Tod"
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Zweites Kapitel 
Der erste Anschlag

Dr. Martin Steiner vom Bundesnachrichtendienst BND ließ die kalte Luft des eisigen Februartages mit drei kräftigen Atemzügen durch seine Lunge ziehen. Sein Blick schweifte über die schnee- und eisbedeckte Straße vor dem fünfstöckigen Asia Europe Meeting Convention Center in Seoul, der Hauptstadt von Südkorea. Martin Steiner sah die schwarze Mercedes-Limousine zuerst, die mit hoher Geschwindigkeit auf die Personengruppe zufuhr, die sich zur Verabschiedung auf der Treppe vor dem Zentrum versammelt hatte. Es waren die Teilnehmer an der „Sicherheitskonferenz der asiatischen Staaten zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus“, die soeben zu Ende gegangen war. Der BND-Vizepräsident und zuständige Abteilungsleiter für Terrorismusbekämpfung hatte einen viel beachteten Vortrag gehalten und Kim Il-sung, den Präsidenten und „Großen Führer“ von Nordkorea beschuldigt, den internationalen Terrorismus durch Waffenlieferungen zu unterstützen.

Steiners Warnung kam zu spät. Aus den geöffneten Seitenfenstern der Limousine zuckte ein Gewitter aus Mündungsblitzen. Die Geschossgarben der Kalaschnikows AK 74 mähten die Personen auf den unteren Treppenstufen nieder und hinterließen eine blutige Spur des Todes. Martin Steiner stand auf der obersten Stufe der Treppe, als die Terroristen das Feuer eröffneten, was ihm das Leben rettete. Mit einem Satz fand er hinter den Säulen des Gebäudes Schutz, während rechts und links von ihm die Geschosse einschlugen und Gesteinsbrocken und Staub hoch spritzen ließen. Es waren nur wenige Sekunden seit Beginn des Überfalls vergangen, bis die anwesenden Sicherheitskräfte und Polizei den Mercedes unter Beschuss nahmen. Mit zerschossenen Reifen schleuderte der schwere Wagen auf der Straße hin und her, bis er einen Laternenpfahl rammte und zum Stehen kam. Dann war alles still. Die Insassen des Mercedes schienen nicht mehr am Leben zu sein. Als sich die Sicherheitskräfte mit gezogenen Waffen der Limousine näherten, zündeten die Terroristen eine Sprengladung. Die gewaltige Explosion riss einige der in der Nähe befindlichen Personen noch mit in den Tod, bevor der Mercedes in einem Feuerball verglühte.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Drittes Kapitel 
Der Dienst

Dr. Martin Steiner war 63 Jahre alt und hatte noch zwei Jahre bis zu seiner Pensionierung aus dem Staatsdienst. Mit bürgerlichen Namen hieß er Dr. Peter Steinfelder, wurde aber in allen dienstlichen Angelegenheiten unter dem Decknamen Dr. Martin Steiner geführt. Er hatte sich in seiner beruflichen Praxis eine hohe Fähigkeit bei der Aufklärung von Unfällen und terroristischen Anschlägen mit Sprengstoffen angeeignet und war auf diesem Gebiet ein international gefragter Experte. Steiner war bei seinen Untergebenen und Kollegen sehr beliebt und respektiert, hatte jedoch zu seinem Vorgesetzten, Dr. Reiner Wittek, dem Präsidenten des BND, ein gestörtes Verhältnis. Dr. Wittek war vor drei Jahren als Verwaltungsjurist, ausgestattet mit dem richtigen Parteibuch, in diese Position gekommen. Ohne den „Stallgeruch“ der Geheimdienstarbeit, hatte er bis heute keinen Zugang zu den Mitarbeitern gefunden, es aber geschafft, aus dem Nachrichtendienst eine monströse, bürokratische Behörde zu machen, in der die „Sesselfurzer“, wie die Innendienstmitarbeiter in der Zentrale von den Außendienstlern verächtlich genannt wurden, das Sagen hatten. Sie machten mit bürokratischen Vorschriften und Dienstanweisungen den Mitarbeitern an der Front, die die eigentliche Arbeit zu leisten hatten, das Leben schwer. Die Spionagetätigkeit, die ursächliche Arbeit eines Geheimdienstes, war vor lauter Formalismus und Papierkram in den Hintergrund getreten. Ständig mussten irgendwelche Anträge und Formulare ausgefüllt, Mitteilungen, Protokolle und Sachstandberichte geschrieben werden.

Bereits vor einem Jahr war Wittek mit dem Großteil der Belegschaft in das neue BND-Gebäude nach Berlin, in das Zentrum der politischen Macht, umgezogen und spann von dort seine Machenschaften und Intrigen. Steiner war mit seiner Abteilung in Pullach geblieben und zog alle Register an Ausreden, um dem Tross nach Berlin nicht folgen zu müssen.

Marlies Wegener war Steiners erste Sekretärin beim BND in Pullach. Sie war Mitte Fünfzig und hatte als allein erziehende Mutter ihre drei Kinder großgezogen, nachdem sie von ihrem Mann wegen einer jüngeren Kollegin verlassen worden war. Im Dienst war Marlies als der „General“ bekannt und gefürchtet, was daran lag, dass sie vor nichts und niemandem Furcht zeigte, gerne Befehle erteilte und nicht mochte, wenn man ihr widersprach. Marlies redete im Allgemeinen nicht viel, was Steiner als sehr angenehm empfand. Sie fühlten sich manchmal wie ein altes Ehepaar, denn jeder konnte anscheinend die Gedanken des Anderen lesen.

Andi Baumann war Steiners rechte Hand und Sicherheitsbeauftragter des Bundesnachrichtendienstes. Zuständig für die interne Sicherheit, und die gesamte EDV, nahm er im Verwaltungsapparat des Dienstes eine Schlüsselstellung ein. Als ehemaliger Berufsoffizier und Elitesoldat bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr, hatte er sein linkes Bein bei einer „Friedensmission“ in Afghanistan durch eine russische Tretmine verloren. Wurde Baumann nach seinem verlorenen Bein gefragt, so antwortete er sarkastisch: „Ich hab ja noch ein zweites und das hier ist wieder nachgewachsen“, wobei er mit der Hand gegen sein Holzbein klopfte.

Baumann stand vor der offenen Tür zu Steiners Büro und schüttelte den Kopf. 
„Schön, Dich lebend wieder zu sehen, Martin. Ich wusste nicht, dass Dienstreisen so gefährlich sein können. Wer wollte Dich denn um Dein freudvolles Leben und Deine Beamtenpension bringen?“

Steiner schob Baumann wortlos durch die Tür in sein Büro: 
„Der nordkoreanische Geheimdienst! Die Südkoreaner sind der Überzeugung, dass die Nordkoreaner dahinter stecken und der Anschlag mir galt.“

Baumann wurde nachdenklich und kramte mit fahrigen Bewegungen nach seinen Zigaretten. 
„Vielleicht ist an der wilden Geschichte mit Nordkorea und den Munitionslieferungen, die wir uns für den Wittek zusammen gereimt haben, um nicht nach Berlin umziehen zu müssen, mehr dran als wir dachten. Vielleicht ist es auch gar keine Geschichte, sondern die Wahrheit. Wir sollten der Sache gründlicher nachgehen. Ich werde unseren Mann in Pjöngjang kontaktieren. Jedenfalls haben wir offensichtlich in ein Wespennest gestochen.“ 
„Scheint so, aber die Wespen haben tödliche Stacheln“, antwortete Steiner mit ernster Miene.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Viertes Kapitel 
Das Verhör

Kim Do Hwan saß den dritten Tag in völliger Dunkelheit als Gefangener im Kellergeschoss des berüchtigten Gefängnisses des „Nationalen Sicherheitsdienstes“ in Pjöngjang. Das Gefängnis befand sich am Rande der Stadt auf einem Grundstück, das durch eine hohe Mauer mit Wachtürmen umgeben war. Das Gebäude machte einen heruntergekommenen und bedrohlichen Eindruck. Die schmutzigen, vergitterten Fenster starrten wie kalte, finstere Augenhöhlen aus dem Gebäude. Obwohl nie ein Klagelaut oder Schrei nach außen gedrungen war, wussten die Anwohner genau, was im Innern des Gefängnisses vorging und schlugen einen weiten Bogen um das Grundstück.

Man hatte Kim Do Hwan am Hafen verhaftet und in das Gefängnis gebracht. Es war bereits das zweite Verhör, das er über sich ergehen lassen musste. Schon bei der ersten Vernehmung am Tag nach seiner Verhaftung hatte er ihnen alles gesagt, was er wusste. Er hatte damit die Hoffnung verbunden, am Leben bleiben zu dürfen. Ein grausamer Irrtum und Trugschluss, wie sich herausstellen sollte.

Ja, er hatte vor zwei Wochen einen Auftrag von einem unbekannten Mann angenommen, die Maksim Gorkij im Hafen von Tschöndschin zu beobachten und Auffälligkeiten zu berichten. Sein Fehler war, dass er bei der Löschung der Fracht zu genau hinsah, als die Kiste auf den Boden aufschlug und ein kugelförmiges Teil heraus rollte. Er war dadurch dem Mann auf der Brücke aufgefallen, der die Umgebung des Frachters mit einem Fernglas beobachtete. Ja, er hatte das Teil gesehen, das aus der beschädigten Kiste über den Boden rollte, konnte sich aber keinen Reim daraus machen, was es war. Ja, er hatte diese Beobachtung seinem Verbindungsmann mitgeteilt. Nein, er kennt weder den Namen noch die Adresse des Mannes und hatte ihn nur einmal gesehen, da alle Informationen über einen toten Briefkasten ausgetauscht wurden. Ja, der Mann war kein Koreaner sondern Europäer und arbeitete in Pjöngjang bei einer ausländischen Firma. „Aber, das habe ich Ihnen doch alles schon gesagt!“

Das dritte Verhör im Gefängnis überlebte Kim Do Hwan nicht. Die nordkoreanischen Geheimdienstleute waren sich aber sicher, dass er ihnen auch wirklich alles gesagt hatte, was er wusste.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Fünftes Kapitel 
Die Mutmaßung

Andi Baumann war bedrückt. Er versuchte über eine geschützte Satellitenverbindung zum wiederholten Mal, zum BND-Agenten Jürgen Koller in Pjöngjang Kontakt aufzunehmen. Jürgen Koller war ein junger Agent, der nach seiner Grundausbildung in Pullach als „Außendienstmitarbeiter“ nach Nordkorea geschickt wurde. Seit drei Wochen war er nun als Mitarbeiter bei einer deutschen Handelsfirma für Elektroartikel in Pjöngjang beschäftigt. Der Anruf landete beim Leiter der Firma, Helmut König, der in diese Aktion eingeweiht war. König teilte Baumann mit, dass Koller seit einer Woche nicht mehr zur Arbeit erschienen sei. Ob man denn beim BND etwas über seinen Verbleib wisse?

„Jürgen Koller ist aufgeflogen“, rief Baumann Steiner bestürzt durch die offene Tür zu. Es war schon ungewöhnlich, wenn ein Agent ohne Mitteilung einen Tag nicht an seinem Arbeitsplatz erschien. Eine ganze Woche ohne Nachricht - es musste etwas Außergewöhnliches passiert sein! Baumann und Steiner wussten nur zu genau, was es für einen Spion bedeutete, in Nordkorea enttarnt zu werden. Das war so sicher wie ein Todesurteil. Allerdings ein langsamer, qualvoller Tod unter einer barbarischen Folter. Baumann wurde von Grauen geschüttelt, wohl wissend, dass die Chancen für den jungen Kollegen nicht gut standen. 
Steiner setzte sich an seinen Schreibtisch, atmete tief durch und dachte nach. Koller war seit einer Woche verschwunden und wurde vom nordkoreanischen Geheimdienst verhört und ganz sicher auch gefoltert. Steiner schauderte, wenn er daran dachte, welche Foltermethoden in Nordkorea angewandt wurden, um Gefangene zum Sprechen zu bringen. Da waren die amerikanischen Methoden, wie das berüchtigte „water boarding“, bei dem den Gefangenen zwangsweise Wasser eingeflößt wurde, um ein Ertrinken vorzutäuschen, noch human. Und das alles nur wegen einer Information dritten Grades, die von Koller weitergegeben worden war. Als Informationen dritten Grades galten beim BND Mitteilungen, die weder als gesichert noch von großer Bedeutung waren. Baumann und er hatten jedoch daraus eine größere Geschichte gemacht, um gegenüber Wittek einen wichtigen Grund gegen den angeordneten Umzug nach Berlin zu haben. Sie hatten die in Tschöndschin gelöschten Schiffsladungen der Maksim Gorkij als Zünder von großkalibriger Munition gedeutet, die von Russland nach Nordkorea geliefert wurden, ohne eine Begründung der Herkunft und ihrer Verwendung geben zu können. Was war an den Informationen, die Steiner über die Fracht der Maksim Gorkij verbreitet hatten, so wichtig, dass man ihn umbringen wollte und den Tod von zahlreichen, unschuldigen Opfern in Kauf nahm? Was hatten die Nordkoreaner zu verbergen?

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Sechstes Kapitel 
Der Umzug

Susanne Seifert, von Kollegen und Freunden Susan genannt, war die persönliche Sekretärin von Dr. Reiner Wittek. Eine sehr persönliche Sekretärin, wenn man den Gerüchten Glauben schenken konnte, die im Dienst kursierten. Jedenfalls war sie immer dabei, wenn Dr. Wittek auf Dienstreisen ging und an Tagungen und Konferenzen teilnahm. Sie buchten in den Hotels zwar immer Einzelzimmer, aber wer weiß, was am Abend und in der Nacht passiert, wurde hinter vorgehaltener Hand geklatscht. Die leitenden BND-Angestellten beneideten Wittek insgeheim um seine Sekretärin, denn Susan war nicht nur jung und hübsch, sondern auch intelligent. In den Abteilungen des Dienstes ging der Spruch um, das Beste an Dr. Wittek sei seine Sekretärin. Auch Steiner mochte Susan und verstand nicht, wie sie sich mit einem wie Wittek einlassen konnte. Aber wer kennt sich schon bei Frauen aus. Er selbst war seit über 30 Jahren verheiratet, zumeist sogar glücklich, wie er auf Nachfragen immer antwortete. Manchmal allerdings verstand er seine Frau Christine auch nicht und dachte an das Zitat eines deutschen Aphoristikers, das er irgendwo einmal gelesen hatte, ohne sich an seinen Namen erinnern zu können: ‚Wie sollen wir die Welt verstehen, wenn wir nicht einmal unsere Frauen verstehen?‘

Marlies Wegener vermittelte ein Telefongespräch von Steiner zu Wittek nach Berlin. Am anderen Ende der Leitung war Susanne Seifert. 
„Hallo, Susan, wie geht`s? Schon an Berlin gewöhnt?“ 
„Hallo, Marlies! Du glaubst es nicht. Auch außerhalb Bayerns, gibt es Leben. Wann kommt ihr?“ 
Susan spielte auf den in Bayern bekannten und zum Mythos gewordenen lateinischen Sinnspruch an: ‚Extra Bavariam nulla vita, et si vita, non est ita.’ 
Der Spruch geht auf den „Vater der bayerischen Geschichtsschreibung“ Aventinus zurück und heißt ins Deutsche übersetzt: “Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und wenn doch, dann kein vergleichbares“ und drückt den Stolz und die Verbundenheit der bayerischen Menschen mit ihrer Heimat aus. Er ist an Eingängen von bayerischen Klöstern, Kapellen und an historischen Stadttoren zu finden. Auch Wellness-Hotels und gehobene Wirtshäuser mit bayerischer Küche, benutzen ihn als Werbung für ihre Angebote.

Kurzes Cello-Zwischenspiel (Bayernhymne)

Steiner nahm den Hörer ab. Am Telefon war jetzt Dr. Wittek. Steiner erläuterte, zumindest versuchte er das, warum es derzeit für ihn und seine Mitarbeiter nicht möglich sei, nach Berlin umzuziehen. 
Wittek ließ ihn nicht einmal ausreden. 
„Hören Sie mir doch auf mit Ihren Argumenten! Ich kann das wirklich nicht mehr hören! Wieder so ein fauler Trick! Ich sage Ihnen: Nichts ist los in Nordkorea. Wenn da etwas vor sich ginge, wäre ich der Erste, der davon erfahren würde. Der Angriff in Seoul war ein ganz normaler Terroranschlag, wie er – leider muss ich sagen – jeden Tag an allen möglichen Orten auf dieser Welt vorkommt. Sie waren bestimmt nicht das auserwählte Ziel des Anschlages. Dafür sind Sie zu unbedeutend, Dr. Steiner! Aber seien Sie froh, dass Sie mit dem Leben davon gekommen sind! Viele Ihrer Kollegen bei der Konferenz hatten dieses Glück nicht. Und jetzt bestehe ich darauf, dass sie mit Ihrer Abteilung sofort nach Berlin umziehen! Rufen Sie Ihre Mannschaft zusammen und packen sie Ihre sieben Sachen ein. Ich akzeptiere keine weiteren Ausreden mehr. Das ist alles, Dr. Steiner. Haben Sie mich verstanden!“ 
Wittek knallte den Hörer auf die Gabel.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Siebtes Kapitel 
Ohne Hoffnung

Man hatte Jürgen Koller in die Gefängniszelle geführt, an deren Decke die Leiche von Kim Do Hwan an einem Fleischerhaken, wie ein Stück Vieh in einem Schlachthaus, mit dem Kopf nach unten hing. Am Fußboden hatte sich eine große Blutlache angesammelt. Der Koreaner war an Händen und Füssen gefesselt. Der nackte Oberkörper zeigte grausame Folterspuren. In seinem Gesichtsausdruck war das Entsetzen und Grauen über die bei der Folter erlittenen Schmerzen eingefroren. Es war ein Leichtes für den nordkoreanischen Geheimdienst gewesen, Jürgen Koller als Verbindungsmann zu identifizieren, nachdem Kim Do Hwan eine genaue Beschreibung seines Aussehens gegeben hatte. Alle Ausländer wurden vom Geheimdienst überwacht und regelmäßig fotografiert. Schnell kam man auf Jürgen Koller, einem Mitarbeiter der deutschen Handelsfirma „EloMax GmbH“, der seine Arbeit vor drei Wochen in Pjöngjang aufgenommen hatte. Jürgen Koller hatte Kim Do Hwan auf einem Geschäftstreffen kennengelernt, zu der sein Arbeitgeber die nordkoreanischen Handelsvertreter und Kunden eingeladen hatte. Man kam schnell ins Gespräch und hatte Vertrauen zueinander. Ob er sich nebenbei einige Won zuverdienen möchte, hatte Jürgen Koller Kim Do Hwan angesprochen. 
„Gerne und was muss ich dafür tun?“, hatte dieser nachgefragt. 
„Nur sich ein bisschen umschauen und umhören“, hatte Jürgen Koller geantwortet.

Als Koller eines Abends von der Arbeit nach Hause kam und seine Wohnung betrat, sah er sich drei Männern gegenüber. Er wollte noch flüchten, wurde aber überwältigt, gefesselt und bekam eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen. Man zerrte ihn in eine vor dem Haus geparkte, schwarze Limousine und brachte ihn in das Gefängnis. Im ersten Verhör nach seiner Festnahme stellte er sich unwissend und der koreanischen Sprache nicht mächtig. In seiner Ausbildung beim BND hatte er gelernt auf Zeit zu spielen, in der Hoffnung durch einen Agentenaustausch frei zu kommen. Er wusste, dass in Deutschland eine nicht kleine Anzahl von nordkoreanischen Agenten gefangen gehalten wurde, die vorwiegend bei Industriespionage gefasst worden waren. Als er jedoch die Leiche seines Informanten kopfüber von der Decke in der Zelle hängen sah, wurde ihm klar, dass es für ihn keinen Austausch geben und sein Leben bald enden würde. Damit hatte er Recht. Seine Qualen hörten aber erst auf, nachdem er seinen nordkoreanischen Folterknechten alles preisgegeben hatte, was er wusste.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Neuntes Kapitel 
Paitoschin

Paitoschin war ein kleines, abgeschiedenes Dorf in einer unwirtlichen Gegend in Nordkorea am Fuße des Tschangpaischen Gebirges nahe der Grenze zu China. Es bestand aus zwanzig heruntergekommenen, in rotem Backstein gebauten Gehöften, die um einen großen Platz mit einer knorrigen Steineiche und einem Ziehbrunnen gruppiert waren. Die Bewohner gehörten der ethnischen Minderheit der Mandschu in China an und waren nach dem Zweiten Weltkrieg vor den Russen aus der Mandschurei über das Gebirge in das benachbarte Korea geflohen. Die Dorfbewohner von Paitoschin ernährten sich mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft, die der karge Boden hergab. Einige betrieben Schweinezucht und besaßen Ziegen- und Schafsherden, die sich von dem spärlichen Grasbewuchs der Steppe ernährten. Die politischen Führer der Mandschuren forderten mehr Freiheit und Selbständigkeit für ihr Volk in Nordkorea und waren deshalb beim „Großen Führer“ in Ungnade gefallen. Auf den Feldern gab es zu dieser Jahreszeit wenig zu tun, sodass die meisten Bewohner des Dorfes in ihren Häusern und Ställen beschäftigt waren. Von der Regionalverwaltung hatte sich eine Arbeitskolonne mit vier Männern angekündigt, die das Wasser des dörflichen Ziehbrunnens auf gesundheitsschädliche Bestandteile kontrollieren sollte. Die Männer installierten einen viereckigen Behälter, mit einer Seitenlänge von einem halben Meter, am Brunnen. Dabei wurden sie von lachenden Kindern umringt, die in den Fremden eine Abwechslung von der trostlosen Monotonie des Dorfes sahen. Fong Yan war ein besonders aufgeweckter Manschujunge im Alter von zehn Jahren und an technischen Dingen sehr interessiert. Er wollte später einmal Ingenieur werden und beobachtete genau, was die fremden Arbeiter machten. Schließlich konnte er seine Neugierde nicht mehr zurückhalten, verließ die Kinderschar und ging auf die Männer zu. Er fragte, ob er ihnen helfen könne. Die Männer lachten und einer von ihnen nahm Fong Yan an die Hand. Er führte ihn zum Brunnen und erklärte ihm die technischen Sensoren und was mit ihnen gemessen würde. Fong Yan hörte aufmerksam zu und kehrte stolz und freudestrahlend zu den anderen Kindern zurück. Inzwischen hatten sich auch einige Dorfbewohner eingefunden, um die Arbeiten der Männer zu verfolgen. Der Behälter müsse einige Tage am Brunnen verbleiben, um eine genaue Analyse des Wassers zu ermöglichen. Danach würde er entfernt und die Messergebnisse in einem Labor an der Universität in Pjöngjang ausgewertet werden. Die Arbeiter verabschiedeten sich freundlich von den Kindern und den Dorfbewohnern, stiegen in ihren Lieferwagen und fuhren davon. Fong Yan rannte dem Fahrzeug noch lange winkend hinter her, bis es hinter dem angrenzenden Hügel verschwunden war.

General Park Chun Hiin beobachtete das Dorf mit dem Fernglas aus zwei Kilometer Entfernung aus einem gepanzerten Militärfahrzeug auf dem Hügel. Dahinter wartete ein Dutzend Lastkraftwagen des Militärs auf ihren Einsatz. Die Männer im Lieferwagen hatten den Hügel erreicht. Sie entledigten sich ihrer Arbeitskleidung und zogen sich weiße Schutzanzüge über, wie sie vom Militär bei nuklearen und biologischen Katastropheneinsätzen benutzt werden.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Zehntes Kapitel 
Pacific Tsunami Center

Dr. Marie Louise Monapart war promovierte Geologin und die dienstälteste Angestellte des Pacific Tsunami Centers PTC in Ewa Beach nahe der Hauptstadt Honululu auf Hawaii. Das Center war im Jahre 1949 gegründet worden, nachdem ein, durch ein Erdbeben auf den Aleuten ausgelöster Tsunami, 165 Menschenleben in Hawaii und Alaska gefordert hatte. Es wurde von der „National Oceanic and Atmospheric Administartion“ NOAA, einer US-Govermental Organisation, mit Sitz in Washington, Columbia, betrieben. Über ein Netzwerk von Seismographen wurden Beben im gesamten Pazifikraum registriert und deren Zentren und Stärken ermittelt. Anhand der seismischen und hydroakustischen Messdaten wurde entschieden, ob ein Tsunami ausgelöst werden könnte und für die gefährdeten Gebiete eine Warnung oder Entwarnung gegeben. Dr. Monapart hatte in ihrer über 35jährigen Dienstzeit schon viele seismografische Aufzeichnungen von Erdbeben gesehen und analysiert, aber dieser Detektorausschlag war ungewöhnlich. Es konnte sich hier nicht um ein natürliches Beben handeln, dazu war der Ausschlag zu scharfzackig. Auch von den üblichen Nachbeben bei natürlichen Erdstößen war auf dem Seismographen nichts zu erkennen. Als Epizentrum wurde ein Ort in Nordkorea nahe der Grenzstadt Hesandschin in China ermittelt. Die Art und Stärke des Bebens ließ auf einen Atombombentest kleinerer Sprengkraft schließen. Monapart konnte sich noch gut an die Zeiten vor dem Atomwaffensperrvertrag erinnern, als Amerikaner, Engländer und Franzosen im Pazifik Atomwaffen im Megatonnenbereich TNT testeten und die Aufzeichnungen der Messgeräte in den Grenzbereich ausschlugen.

„Marie Louise, kommen Sie schnell. Da ist etwas passiert“, hatte Francoise Dunant gerufen, eine junge Mitarbeiterin aus Frankreich, die ein halbjähriges Praktikum am Institut absolvierte und ein Dutzend Monitore im nördlichen Teil des Pazifischen Ozeans überwachte. Dr. Monapart hatte nach Überprüfung der Messwerte sofort eine Meldung über das International Tsunami Information Center ITIC an alle angeschlossenen Mitgliedsstaaten folgenden Inhalts herausgegeben:

„Seismologische Auffälligkeit in Nordkorea registriert, nahe der Grenzstadt Hesandschin in China, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Explosion, möglicherweise ausgelöst durch einen Nukleartest kleinerer Sprengkraft, zurückzuführen ist. Keine Tsunamiwarnung erforderlich! 
 
PTC, Hawaii, Dr. Marie Louise Monapart.“

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Elftes Kapitel 
Die Explosion

Sergeant Keith Miles arbeitete in der militärischen Auswertestelle für Satellitenaufnahmen im US-Verteidigungsministerium in Washington D.C. Er saß in einem Vorraum des National Military Command Centers NMCC vor seinem Monitor und beobachtete die gestochen scharfen Aufnahmen des Spionagesatelliten mit der militärischen Kennung SPS-751 bei seinem Flug über Nordkorea. Das Ministerium wird, wegen der fünfeckigen Form seines Gebäudes, überall auf der Welt nur als das „Pentagon“ bezeichnet, was aber auch schon alles ist, was die breite Öffentlichkeit über das Gebäude, die geheimen militärischen Projekte und die Tätigkeiten der Mitarbeiter weiß. Das NMCC ist das Nervenzentrum des Verteidigungsministeriums und liegt unter mehreren Schichten von Stahlbeton, so dass es auch einen atomaren Angriff unbeschädigt überstehen könnte.

Keith Miles wurde von seinen Kameraden und Freunden „Maverick“ genannt, was von seiner Begeisterung für Tom Cruise als „Top Gun-Piloten“ gleichen Namens aus dem Kultfilm der 90er-Jahre herrührte. Die ständige Beobachtung der pausenlos vom Satelliten eingehenden Bilder ermüdete seine Augen, sodass er sie für einen Augenblick schloss. Als er sie wieder öffnete, konnte er nicht glauben, was er sah. Er sprang auf und rief mit aufgeregter Stimme nach seinem Vorgesetzten. 
„Major, die Nordkoreaner haben eine Atombombe gezündet!“ 
Major Charles Widdex, ein Amerikaner der zweiten Generation mit schottischen Vorfahren, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte, eilte herbei. 
„Was sagst Du da, Maverick? Eine Atombombenexplosion in Nordkorea? Das ist ein schlechter Scherz, nicht wahr!“ 
Beide starrten wie gebannt auf den Bildschirm. Sie erkannten eine Explosionswolke, die sich in der typischen Form eines Atompilzes vom Boden aus immer höher in die Atmosphäre ausdehnte. 
Der Sergeant war noch immer fassungslos. Es gab keinen Zweifel, dort unten in Nordkorea hatte vor wenigen Minuten eine gewaltige Explosion, möglicherweise von einer Atombombe, stattgefunden. Das Zentrum der Explosion lag in der Mitte einer kleinen Ortschaft am Rande des Tschnagpaischen Gebirges zu China. Hinter einem Hügel waren ein Dutzend Militärfahrzeuge zu erkennen. Dann verschwanden Atompilz und Wagenkolonne aus dem Blickfeld, da der Satellit den Ort überflogen hatte. Major Charles Widdex gab diese Meldung mit der höchsten Geheimhaltungsstufe sofort an das Militärische Oberkommando im Pentagon weiter. Der Major und der Sergeant waren sichtlich geschockt und warteten voller Ungeduld auf den nächsten Überflug des Satelliten SPS-751 in einer Höhe von 300 Kilometer über den Explosionsort, der programmgemäß in einer Stunde und 30 Minuten stattfinden würde.

Kurzes Cello-Zwischenspiel                                            (45 Minuten)

Dreizehntes Kapitel 
Der Verdacht

Andi Baumann saß, eine Zigarette rauchend, an seinem PC. Er hatte sich über eine sichere Datenleitung in das Extranet der CIA-Zentrale in Langley, Virginia eingeloggt. Es war noch früh am Morgen, doch sein Aschenbecher war bereits randvoll mit Zigarettenkippen und sein Büro voller Qualm. 
Marlies hatte Kaffee gekocht und bot ihm eine Tasse an. 
„Wieder so ein Muckefuck“, meckerte er, nachdem er einen Schluck aus der Tasse getrunken hatte. Baumann war gebürtiger Sachse, was man an seinem sächsischen Dialekt auch noch nach Jahrzehnten seit seinem Wegzug aus Sachsen feststellen konnte. Er wurde in Dresden geboren, war aber in der Nachkriegszeit, noch vor dem Mauerbau in Berlin, mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern nach München umgezogen. Dass in Sachsen ein dünner Kaffee als „Muckefuck“ bezeichnet wird, war Marlies inzwischen bekannt. Aber sie sträubte sich dagegen, eine „schwarze Brühe“ zu kochen, wie sie Baumann bevorzugte. 
„Gut für Ihr Herz, Herr Baumann“, antwortete sie und lächelte ihn freundlich an. 
„Was nützt mir ein gutes Herz, wenn ich bei der Arbeit einschlafe“, gab Baumann giftig zur Antwort. 
„Dafür rauchen Sie doch schon wie ein Schornstein. Ihr Büro ist ja die reinste Räucherkammer“, giftete sie zurück. 
„Geräuchert hält länger“, antwortete Baumann unwirsch. 
Dann sprang er von seinem Stuhl auf, wobei er die Tasse umwarf und den Kaffee auf dem Boden verschüttete. „Nicht schade darum“, brummte er noch, bevor er mit lauter Stimme durch die offene Tür nach Steiner rief. 
„Martin, komm schnell rüber. Lies selbst, was unsere Freunde in Langley melden! TOP SECRET! Frau Wegener schauen Sie weg!“ Marlies war im Dienst nur bis „Geheim“ berechtigt, was sie aber nicht hinderte, sich auch für streng geheime Nachrichten zu interessieren.

„Möglicherweise oberirdischer Atombombentest in Paitoschin, Nordkorea nahe der chinesischen Grenze - Sprengkraft der Bombe im unteren Kilotonnenbereich TNT - genauere Auswertungen zum Explosionsort, zur Art der Explosion und Sprengkraft, radioaktiven Strahlung und dem Fallout der Bombe folgen!“

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Baumann und Steiner blickten sich entsetzt an. Andi Baumann setzte sich an die Tastatur seines PCs, hämmerte einige Befehle ein und fuhr mit dem Pointer der Maus auf dem Bildschirm hin und her. 
„Paitoschin ist ein Dorf im nördlichsten Zipfel von Nordkorea, nahe der Grenze zur Mandschurei. Die nächste, größere Stadt in China ist Hesandschin. Das Dorf liegt im Niemandsland am Fuße des Tschangpaischen Gebirges. In der Nähe befindet sich weder ein Flughafen noch eine Eisenbahnlinie. Die einzige Straße dorthin ist unbefestigt und im Winter nicht passierbar. Die Bewohner sind Mandschuren, die aus China geflüchtet sind und von der Landwirtschaft und Viehzucht leben. Die Mandschuren …..“ 
„Ist ja gut, Andi. Ich habe nicht vor, meinen nächsten Urlaub in Paitoschin zu verbringen.“ 
„Ich wollte Dir nur alle Informationen über den Explosionsort geben. Könnte ja wichtig sein, oder?“, entgegnete Baumann mit beleidigter Miene.  
“Ja, Andi, ja! Aber siehst Du nicht auch einen Zusammenhang zwischen den Schiffsladungen der Maksim Gorkij von Sibirien nach Nordkorea und dem Atombombentest? Das interessiert mich mehr als der Ort. Nach CIA-Berichten sind die Nordkoreaner nicht in der Lage, taktische Atomwaffen herzustellen.“ 
„Du meinst, die Russen haben den Nordkoreanern taktische Atombomben geliefert? Das wäre eine riesige Schweinerei! Traust Du das den Russen zu?“ 
“Der russischen Regierung nicht. Aber beim Militär und auch in der Bevölkerung gibt es ewig gestrige Obristen und Altkommunisten, denen ich alles zutraue!“ 
„Was wollen die Nordkoreaner mit Atomwaffen? Wir wissen doch, dass sie über keine Trägersysteme verfügen. Sie basteln ja schon seit Jahrzehnten an Langstreckenraketen herum, erleiden aber einem Fehlschlag nach dem anderen, seit sich die Russen und Chinesen zurückgezogen haben. Ohne geeignete technische Trägersysteme machen Atomwaffen doch keinen Sinn. Oder?“ 
„Ich weiß es nicht, Andi. Ich weiß es nicht! Aber der nordkoreanische Geheimdienst nimmt offensichtlich an, dass wir mehr darüber wissen, und das beunruhigt mich!“ 
Steiner und Baumann saßen sich schweigend gegenüber, als Manuel Christel durch die offenstehende Tür hereinkam. Christel war mit 35 Jahren der Jüngste im Team und arbeitete für Baumann als EDV-Fachkraft, wurde aber von Steiner auch für Sonderaufgaben eingesetzt. Beide waren in ihren Gedanken so vertieft, dass sie Christel vollkommen ignorierten. 
„Hatten wir Streit und niemand hat es mir gesagt?“ 
Christel blickte sich beleidigt im Büro um. 
„Die Nordkoreaner haben eine taktische Atombombe gezündet. Was wir schon seit Jahren befürchten, ist nun eingetreten: Nordkorea hat die Bombe!“, erläuterte Baumann, noch sichtlich geschockt. 
Manuel Christel wurde kreidebleich.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Achtzehntes Kapitel 
Scharade

John J. Critten war ein drahtiger Endvierziger aus Texas und bei der CIA für Sonderaufgaben beschäftigt. Er hatte vorher zwölf Jahre als Berufssoldat bei einer Eliteeinheit der US-Marines gedient. Neben seiner Spionagetätigkeit züchtete er Rinder auf seiner Farm in Texas. Der Texaner war auf einer Rundreise bei den Geheimdiensten im „Alten Europa“ und hatte kurzfristig seinen Besuch in Pullach angekündigt. Dr. Steiner erwartete von der CIA Neuigkeiten zu der Explosion in Nordkorea, wurde aber herb enttäuscht. 
„No comment“, war die einsilbige Antwort von Critten. 
Auch indirekte Fragen führten nicht weiter und Steiner verstand. Sein amerikanischer Besuch schien strikte Anweisungen zu haben, zu dem Vorfall in Nordkorea keine Informationen weiterzugeben, die über das bekannte offizielle Statement der US-Regierung hinausgingen. 
Als ob man auf Granit beißt, dachte Steiner und blickte verzweifelt zu Andy Baumann, der bisher das Gespräch der beiden scheinbar unbeteiligt verfolgt hatte. Baumann verstand die Geste und lenkte das Thema auf seinen Besuch auf Crittens Ranch in Texas im vergangenen Jahr. Er äußerte sich begeistert über das weite Land und die Longhorn-Rinder, die Critten auf seiner Ranch züchtete. Die Longhorns gehörten ebenso zur Legende von Texas und der Erschließung des Wilden Westens wie das berühmte Repetiergewehr Winchester 73.

Der Amerikaner schien langsam aufzutauen, wurde leutseliger und stellte seinerseits Fragen. Anhand der Fragestellungen erkannte Steiner, dass Critten nicht gekommen war um Antworten zu geben, sondern zu erfahren, was die anderen Geheimdienste über die Explosion in Nordkorea wussten. Er war geschickt worden, die europäischen Dienste auszuhorchen und nicht, um etwas zu sagen. „John, be honest now. You are not allowed to tell us anything!” “Yes, Sir. You are right. All information in this case is restricted for “US-EYES” only.” 
Andi Baumann entspannte die sich nun zuspitzende Situation, in dem er vorschlug, das Gespräch zu beenden und die Bräustube des Kloster Andechs am Ammersee aufzusuchen. Critten war ein großer Freund des dunklen Bieres aus Andechs und stimmte dem Vorschlag freudig zu. Steiner verstand den Schachzug und hoffte auf die stimulierende Wirkung des Bieres auf Crittens Kommunikationsbereitschaft. In seiner Studentenzeit in München hatten sie manche amerikanische Touristin durch das Andechser Bier in gute Stimmung gebracht. Allerdings ging es dabei nicht um die Förderung der Kommunikation.

Kurzes Cello-Zwischenspiel

Es war am späten Nachmittag eines ganz normalen Werktages, als der Mercedes Dienstwagen die Auffahrt zum „Heiligen Berg“ erreichte, auf der Heerscharen von Menschen zum Kloster Andechs hoch pilgerten. Das Ziel der Pilger war jedoch nicht die barocke Wallfahrtskirche und das Gebet, sondern das weit über die Grenzen Bayerns hinaus bekannte Bier, das von den Benediktinermönchen des Klosters nach überliefertem Rezept, noch selbst gebraut wurde. Critten bestellte sich eine gegrillte Schweinshaxe mit Knödel und Sauerkraut. Er trank seine erste Maß mit dem dunklen Starkbier mit sichtbarem Genuss, wobei sich seine Stimmung zunehmend aufhellte. Nach der zweiten Maß sah Steiner seine Chance gekommen und fragte nach der Explosion in Nordkorea. 
„No comment.“ 
Critten blieb stur bei seiner Antwort. 
Andi Baumann hatte eine Idee. 
„John J. Critten. Lass uns ein Gesellschaftsspiel zusammen spielen. Es heißt Scharade. Die einfachste Variante. Für Amerikaner! Du musst über die Explosion nichts sagen, sondern nur auf unsere Fragen mit dem Kopf nicken oder verneinen. Das ist kein Gespräch und Du hältst dich streng an deine Order, nichts zu sagen. Okay, John?“ 
Critten nickte mit dem Kopf. 
Steiner stellte eine Testfrage, deren Antwort sie schon kannten. 
„War es eine Atombombe?“ 
Critten verneinte durch Schütteln des Kopfes. 
„Eine thermonukleare Bombe?“ 
Critten nickte. 
Baumann setzte nach. 
„Eine taktische Neutronenwaffe?“ 
Wieder nickte der Amerikaner. 
„Russischer Herkunft?“ 
Critten zuckte mit den Schultern. 
Also wussten die Amerikaner nichts über die Maksim Gorkij und ihre geheimnisvolle Fracht. 
„Und die Chinesen im Dorf, alle tot?“ 
Critten nickte abermals. 
„Sie wurden nicht vorher evakuiert?“ 
Der Amerikaner schüttelte den Kopf.

Cello-Schlussspiel (60 Minuten)